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Den Leuten keine Umstände bereiten – japanische Erziehung

続・土下座

© Flickr / tsukacyi

Im Sprachunterricht hat eine Lehrerin kürzlich ein interessantes Thema angerissen. In Japan ist es ein Schwerpunkt in der Erziehung, dass man anderen Leuten keine Umstände bereiten oder gar zur Last fallen soll. Diese Erziehung kann das Alltagsleben in Japan relativ angenehm machen, läuft es doch auf eine oftmals wohltuende Zurückhaltung hinaus. Es kann aber auch zu Situationen führen, in der man trotz offensichtlicher Hilfsbereitschaft einen Dogeza (Verbeugung zum Entschuldigen, siehe Bild rechts) vom Gegenüber riskiert.

Wie zum Beispiel dieser.

Die Situation

優先席で迷惑なポジションかつ大いびきで寝てる人@京浜東北線下 り

© Flickr / yto

Man fährt im Bus, sitzt nahe am Eingang und es steigt eine alte, gebrechliche Frau in den Bus ein. Was denkt man sich als wohlerzogener Europäer? Genau, man setzt all seine Willenskraft ein, um seinen hart erkämpften Sitzplatz aufzugeben, um ihn in schierer Großmut dem alten Mütterchen anzubieten. Der ewigen Dankbarkeit kann man sich gewiss sein.

Kann man nicht.
Nichts auf dieser Welt ist gewiss.
Punkt.

Was folgt, wird manchen unerfahrenen Japanreisenden ordentlich die Falten auf die Stirn jagen. Statt sich zu bedanken, verkrampft sich das Gesicht der Oma zu einer gequälten Fratze, während ihr mehrere Entschuldigungen pro Sekunde aus dem Mund fließen. Sie wird sich wohl auch zuerst weigern, den Sitzplatz anzunehmen.

Die Erklärung

Nun, natürlich ist es meistens nicht so schlimm, aber einen Schwall an Entschuldigungen kann man fast immer erwarten. Warum aber? Man wollte doch nur nett sein? Ja, aber gleichzeitig denkt sich die alte Frau, dass sie einem zur Last gefallen ist. Darum muss sie sich entschuldigen.

Kann man seltsam finden, ist es vermutlich wohl auch.

Die Lösung

ありがとう ありがとお ありがとっ

© Flickr / idua_japan

Natürlich möchte man den alten Mütterchen dieser Welt weiterhin seinen Platz anbieten, auch in Japan. Wie kann man diese Situation nun aber umgehen und trotzdem seinen Sitzplatz anbieten? Relativ einfach: Aufstehen, Klappe halten, sich etwas entfernen. Der Gedanke dahinter ist, dass das Objekt der Hilfsbereitschaft denkt, dass man eh aufstehen wollte, um zum Beispiel auszusteigen. So kann man in Ruhe seine Hilfsbereitschaft anbieten, ohne lästige Nebenwirkungen erfahren zu müssen.

Und mal ehrlich: es geht doch um die Geste und nicht darum, eine Dankeschön zu erhalten. Nicht wahr?

Eine Warnung noch zum Ende: Gewissenlose, gealterte Businessmänner stehen in Sachen Sitzplatz in direkter Konkurrenz zu den alten Mütterchen!

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